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Ein kleiner Auszug:

Vollständig lautete sein Name: Hans Hermann Ingo Gustav Goldschmidt. Wer sangesgeübte Ohren hatte, hörte das Glissando einer besonderen Vokalisation heraus. Es waren alle fünf Vokale unserer Muttersprache in diese tönenden Namen hineinkomponiert, wie im ersten Satz der Bibel:

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde."

"Ja, noch schöner weil in alphabetischer Abfolge a e i o u."

Als Ganzes war es eine kunstvoll gefügte Klangfigur.

Ingo zum Beispiel: Mit welcher Raffiniertheit dieses Ingo durch seine Vokale i und o einen polyphonen Übergang bildete vom strahlenden a des Auftakts – Hans – und weiter vom elegischen e bei Hermann hinüber zum dunklen Finale des u – Gust oder Gustav; das letzte a bereits wie Dacapo.

Uns Kindern jedoch klang atonal und fidel in den Ohren die Endsilbe – Aff – wir waren in unserem musikalischen Gemüt noch zu ungeübt für andere Finessen, eher gewitzt in Dissonanzen und Eulenspiegelein. In dieser Kadenz von Vornamen hatte sich seine Mutter Gehör verschafft über das Schweigen des Grabes hinaus. Solange der Großvater leben und jemand ihn bei seinem Namen rufen würde, war das wie ein Requiem auf die melomane Mama.

Mit allen Vornamen rief ihn bloß die Großmutter. Sie verschenkte viel Zeit an ihn. Zeit haben für den anderen ist ein Maß der Liebe, belehrte sie uns und unsere Mutter pflichtete ihr bei. Es konnte geschehen, dass die Großmutter, bis sie mit den vielen Vornamen fertig war, vergessen hatte, was sie ihm sagen wollte.“

 

Eginald Schlattner

Der gekoepfte Hahn

Dtv Mai 2001

ISBN:3-423-12882-8

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Der geköpfte Hahn, ist ein Roman über Siebenbürgen, über die multikulturelle Gemeinschaft Siebenbürgens, angelehnt an die Jugend des Autors, ein Siebenbürger Sachse, Jahrgang 1933, heute evangelischer Pfarrer in Rothberg (Roşia) bei Hermannstadt (Sibiu).

In einer kleinen Stadt im Herzen von Siebenbürgen treffen sich die Freunde des 16jährigen Ich-Erzählers  im Hause seiner Eltern zum Tanztee. Es soll ein Fest werden zum Schulabschluss.

Vor August 1944 war das faschistische Rumänien mit Hitler-Deutschland verbündet und der Autor, glühender Führeranhänger und vom Endsieg überzeugt. Sein Führerfanatismus und seine Ablehnung konfirmiert zu werden, denn „ man kann nur einem Herrn dienen“, werden in der multikulturellen Familie kopfschüttelnd und mit Hoffnung auf eine vorübergehende Pubertätserscheinung toleriert.

Lernt man im Laufe des Romans die ganzen Familiemitglieder kennen, stellt man sich schon die Frage, woher die Wurzeln dieser Verehrung stammen. In der Familie fördert niemand nationalsozialistisches Gedankengut mit Ausnahme zweier Tanten, die bei jeder Gelegenheit den Katechismus des deutschen Übermenschentums zitieren.

Da ist der Vater, ein weltoffener und toleranter Mensch, der vor jedem den Hut lüpft, egal ob Jude oder Zigeuner und mit den Juden auch weiterhin Kontakt pflegt und Geschäfte macht, als diese grausam diskriminiert werden. Er ist den Juden wohlgesonnen und rettet auch einem das Leben. „Warum willst du unbedingt ein Deutscher sein?“ fragt er seinen Schwiegervater, der stets seinen Ahnenpass, der ihn als rein deutschblütig ausweist, sichtbar bei sich trägt. „Wo man in Fogarasch keinen Schritt tun kann, ohne in mehreren Sprachen zu grüßen? Dies wird ein böses Ende nehmen!“

Jedes Familienmitglied scheint einer anderen Nationalität anzugehören und seine eigene Weltanschauung zu haben. Der Großvater ein Siebenbürger Sachse, aber zu Zeiten geboren als Siebenbürgen noch zur k.u k. Monarchie gehörte, empfindet sich als „alter k.u.k Österreicher“. Die Großmutter entstammt einer ungarischen Adelsfamilie. Keiner fühlt sich wirklich sicher und man merkt, dass jeder Vorsichtsmassnahmen treffen muss, um sich das Überleben zu sichern.

Der Großvater, auch wenn er Siebenbürger Sachse und aus vollem Herzen alter k.u.k. Österreicher ist, hieß Goldschmidt. Da er wegen des Namens für einen Juden gehalten werden kann, trägt er den braunen Ahnenpass, ständig ostentativ in der Brusttasche seiner österreichischen Marineuniform. “So –und nur – so, konnte man dazumal Goldschmidt heißen!“ Anders als mit dem Großvater ist es rassisch um die Großmutter bestellt. Ihr Ahnenpass ist dunkelgrau und sie wird als arisch geführt, was die Kinder in der Familie oft mit arabisch verwechseln. Die Führerideologie der Kindergärtnerin und die Kaisertreue der Großvaters führen auch bei der kleinen Schwester des Autors zu Verwirrungen. Vom Großvater angelernt „Heil Kaiser Franz“ zu grüßen führt schon mal zu einem „Heil Kaiser Hitler!“ Gruß.

Im Laufe des Romans merkt man, dass die unterschiedlichen Nationalitäten trotz der herrschenden Ideologie versuchen ihre eigene Identität zu bewahren und das Überleben zu sichern. Deutlich wird dies auch in dem Kapitel in dem die Vereidigung der Jugend in Fogarasch zu Führers Geburtstag stattfinden soll und jeder in der braunen Uniform erscheinen soll. Der Autor, erscheint in der von seinen Tanten geschenkter Uniform, „in  großer Kriegsbemalung“ nennt es die Mutter, „in kompletter Montur“ für den Großvater und für den Vater: am liebsten nicht. Der Sohn des Photographen Sawatzky, erscheint in rumänischer Tracht, andere in der sächsischen Tracht, ein Russenkittel ist vertreten, eine ungarische Tracht, sowie die rumänische Pfadfinderuniform. Zum Überleben, die herrschende Ideologie verfolgen, aber die eigene kulturelle Identität nicht aufgeben, denn Ideologien und Machtverhältnisse ändern sich schnell.

August 1944 wechselt Rumänien die Fronten und schließt sich den Alliierten an. Die Angst vor der Roten Armee macht sich breit und die sowjetischen Truppen ziehen in Bukarest ein. Arierpass und deutscher Ahnenpass, werden nun zum Verhängnis, dafür steht die Deportation zur Zwangsarbeit in die UdSSR.

Fazit:

Auch wenn es sich um einen dramatischen geschichtlichen Stoff handelt, bereitet das Lesen dieses Buches Vergnügen. Schlattner schreibt ironisch, mit subtilem Witz, satirisch. Ein gehobener Sprachstil und kultivierte Formulierungen waren für mich das reinste Vergnügen. Die große Anzahl an Personen die im Laufe des Romans erscheinen, verwirren manchmal, aber tun dem Lesevergnügen keinen Abbruch.

Der Autor hat viel Mut gezeigt, sich als ehemaliger Führerfanatiker zu bekennen, man verzeiht ihm aber alles. Man hat das Gefühl, dass er die Ideologie eher zur eigenen Identifikation gebraucht hat. Zum Schluss ist er geheilt.

Renata, 16.04.2009                                                                          

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